Was ist das IRIS-Staging-System?
Die International Renal Interest Society (IRIS) hat ein international anerkanntes Klassifikationssystem für die chronische Nierenerkrankung bei Hunden entwickelt. Es teilt die Erkrankung in vier Stadien ein, basierend auf dem Blut-Kreatinin-Wert sowie dem SDMA-Wert. Zusätzlich werden Substadien für Proteinurie und Blutdruck gebildet.
Das Staging hilft Tierärzten weltweit, eine einheitliche Sprache zu sprechen, Behandlungsempfehlungen zuzuordnen und Prognosen besser einzuschätzen. Es ist kein starres Etikett, sondern ein dynamisches System — die Stadiumeinteilung kann sich im Verlauf ändern.
Die vier IRIS-Stadien im Überblick
Stadium 1: Kompensierte Phase
Im ersten Stadium bestehen bereits nachweisbare Nierenveränderungen (z.B. im Ultraschall oder im SDMA-Wert), das Kreatinin ist jedoch noch nicht erhöht oder liegt im Grenzbereich.
- Kreatinin: < 140 µmol/l
- SDMA: ≥ 18 µg/dl als Hinweis auf frühe CNI
- Symptome: Oft keine oder sehr subtil (leicht vermehrtes Trinken)
- Empfehlung: Halbjährliche Kontrollen, Phosphor im Auge behalten, Nassfutter bevorzugen
Stadium 2: Mild beeinträchtigte Nierenfunktion
In Stadium 2 ist das Kreatinin leicht erhöht. Viele Hunde zeigen noch kaum klinische Symptome, fühlen sich aber nicht mehr vollständig wohl.
- Kreatinin: 140–249 µmol/l
- SDMA: 25–38 µg/dl
- Symptome: Leichte Gewichtsabnahme, vermehrtes Trinken und Urinieren möglich
- Empfehlung: Phosphorarme Nierendiät einführen, Flüssigkeitszufuhr optimieren, Blutdruck kontrollieren
Stadium 3: Mäßig bis stark beeinträchtigte Nierenfunktion
Stadium 3 ist ein kritischer Übergang. Die Symptome werden deutlicher, und ohne aktive Behandlung kann sich der Zustand rasch verschlechtern.
- Kreatinin: 250–439 µmol/l
- SDMA: 38–54 µg/dl
- Symptome: Appetitlosigkeit, Erbrechen, Gewichtsverlust, Lethargie, ggf. Mundgeschwüre
- Empfehlung: Konsequente Nierendiät, Phosphatbinder, Flüssigkeitsinfusionen (ggf. zuhause), Blutdruckkontrolle und -behandlung, Anämie-Monitoring
Stadium 4: Terminale Niereninsuffizienz
Im vierten Stadium hat die Niere ihre Filterfunktion weitgehend verloren. Urämische Symptome dominieren das Bild. Das Hauptziel ist nun die palliative Behandlung zur Verbesserung der Lebensqualität.
- Kreatinin: ≥ 440 µmol/l
- SDMA: > 54 µg/dl
- Symptome: Schwere Urämie, Krampfanfälle möglich, kaum Futteraufnahme, extreme Schwäche
- Empfehlung: Intensive Supportivtherapie, regelmäßige IV-Infusionen oder subcutane Infusionen, enge Absprache mit dem Tierarzt über Lebensqualität
Substadien: Proteinurie und Blutdruck
Jedes IRIS-Stadium wird durch zwei Substadien ergänzt:
Proteinurie (UPC-Wert)
- Non-proteinurisch: UPC < 0,2
- Grenzwertig: UPC 0,2–0,4
- Proteinurisch: UPC > 0,4 → Behandlung mit ACE-Hemmern (z.B. Benazepril) empfohlen
Blutdruck
- Normotensiv (Minimales Risiko): < 140 mmHg
- Prähypertensiv (Niedriges Risiko): 140–159 mmHg
- Hypertensiv (Moderates Risiko): 160–179 mmHg → medikamentöse Behandlung empfohlen (Amlodipin)
- Schwer hypertensiv: ≥ 180 mmHg → dringende Behandlung
Was bedeutet die Stadieneinteilung für den Alltag?
Das IRIS-Stadium ist kein Todesurteil, sondern ein Orientierungspunkt. Viele Hunde in Stadium 2 oder 3 leben mit guter Behandlung noch Jahre in guter Lebensqualität. Entscheidend ist:
- Konsequente Anwendung der diätetischen Empfehlungen
- Regelmäßige tierärztliche Kontrollen
- Frühzeitiges Erkennen und Behandeln von Komplikationen (Hypertension, Anämie, Hyperphosphatämie)
- Aktive Beteiligung als Tierhalter — Sie verbringen täglich Zeit mit Ihrem Hund und bemerken Veränderungen früh
Wenn Sie wissen möchten, in welchem Stadium Ihr Hund aktuell ist, fragen Sie Ihren Tierarzt gezielt nach der IRIS-Klassifikation — und lassen Sie sich die Konsequenzen für Futter, Monitoring und Medikamente genau erklären.
